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Tuesday, January 03, 2006

Kulturrelativismus:
Franz Boas und seine NachfolgerInnen


Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?

1. Grundsätzliches

Der klassische Kulturrelativismus, der aus der Arbeit von Franz Boas und seinen Nachfolgern hervorging, dominierte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Theorie der amerikanischen Anthropologie. Einige seiner Vertreter verwendeten ihn zur Kritik des Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus. Auf Basis des Kulturrelativismus entwickelten sich weitere Ansätze zur Erforschung der Beziehungen zwischen Sprache und Kultur sowie psychologischer Aspekte der Kultur. [1]

Indem der Kulturrelativismus dem erlernten menschlichen Verhalten die Kultur als Kern-Konzept zugrunde legt, sieht er die Notwendigkeit, jede Kultur aus ihrer eigenen Erscheinung und in ihrem jeweiligen historischen Kontext zu begreifen. Dabei werden Generalisierungen prinzipiell abgelehnt. [2] Ein allgemeines Konzept wie jenes der Evolution projiziert für die Kulturrelativisten europäische Denkmuster unzulässig auf andere Kulturen. Die Vertreter der Schule betonen gegen solches Vorgehen einen Pluralismus, in dem viele Kulturen nebeneinander existieren, die weder verglichen noch von außen beurteilt werden können. Es geht also um eine emische Sichtweise, die kulturelle Phänomene aus sich heraus verstehen will. [3]

2. Franz Boas und die Cultural Anthropology in Nordamerika

2.1. Leben und Werk

Franz Boas (1858-1942) studierte Physik und Geographie in Heidelberg, Bonn und Kiel.
Später lehrte er an der Columbia University in New York und institutionalisierte die anthropologische Forschung in den USA. Boas, der als der Gründer der Modern Cultural Anthropology gilt, vertrat als Forschungsansatz einen Four Fields’ Approach, der als Subdisziplinen biologische Anthropologie, Kulturanthropologie, Prähistorische Archäologie, Linguistik umfasst. [4]

Um möglichst viele Kulturen zu untersuchen, bevor diese sich unter äußeren Einflüssen verändern, unternahm Boas 12 Feldforschungsreisen, darunter eine der wichtigsten zu den Kwakiutl an der Pazifik-Küste von British Columbia. [5] Erste Feldforschungen führte er auf Baffin Island bei den Inuit durch, wo er die objektiv gemessene physische Umwelt mit dem darüber bestehenden gesellschaftlichen Wissen verglich. Ursprünglich vom entscheidenden Einfluss der Umwelt auf das Verhalten überzeugt, widersprach er dem bald mit der Auffassung, die Kultur bringe die entscheidenden Wahrnehmungen hervor. [6]

Unter Boas’ Büchern gelten The Mind of Primitive Man (1911), Primitive Art (1926), Anthropology and Modern Life (1928), General Anthropology (1938) und Race, Language and Culture (1940) als Hauptwerke. [7] Die einflussreichsten seiner über 600 Artikel wurden in 2 Sammelbänden veröffentlicht. [8] Der Titel seines bekanntesten Werks The Mind of Primitive Man erscheint aus heutiger Sicht zwar evolutionistisch. Das Buch wurde 1911 allerdings mit der Absicht veröffentlicht, dem Rassismus in den USA und anderen Ländern entgegen zu wirken. [9]

2.2. Wissenschaftliche Positionen

Mit dem Evolutionismus lehnte Boas auch jegliche Vorstellung kultureller Superiorität ab. Er kritisierte derartige Ansätze bei Lewis H. Morgan und Edward B. Tylor als ethnozentristisch. Sprache und Kultur galten Boas als unabhängig von der „Rasse“. [10] Um rassistischen Positionen entgegen zu treten, wies er nach, dass die Körpergröße und Schädelform nicht, wie bis dahin angenommen, rassische Konstanten sind, sondern durch das soziale Milieu beeinflusst werden.

Boas hob nachdrücklich die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Kulturen hervor, wodurch deren jeweilige Einzigartigkeit besonderes Gewicht erhält. Menschliches Verhalten sah er nicht als genetisch bzw. biologisch bestimmt, sondern durch Kultur und Tradition. Er trat Methoden entgegen, verschiedene Kulturen zu vergleichen, weil er Phänomene nur in Bezug zu ihrem eigenen kulturellen Kontext betrachten wollte. Sein holistischer Ansatz versteht dabei jede Kultur als funktionales Ganzes. [11]

2.3. Kritik

An Boas wird kritisiert, dass er zumindest zeitweise als Vertreter eines strengen Kulturrelativismus oft auch durchaus sinnvolle Verallgemeinerungen und Synthesen nicht zugelassen habe. Außerdem gilt er als theoriefeindlich und nicht immer als konstruktiv, weil er vorhandene Theorien zwar kritisierte, diesen jedoch dann weniger eine eigene theoretische Alternative entgegen hielt. [12]
Zudem kann kritisch gefragt werden, ob ein striktes Abstehen von Kulturvergleichen nicht auch wichtige Erkenntnismöglichkeiten behindert. Entsprechend ist zu beobachten, wie unter den Schülern Boas’ – etwa bei Margret Mead – der Vergleich von Kulturen wieder zu einem Instrument der Interpretation von Forschungsergebnissen wird.

3. Die Generation der Schüler

3.1. Weiterentwicklungen


Franz Boas prägte die bedeutenden Gestalten in der amerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zu seinen wichtigen Schülern zählten Alfred L. Kroeber (1876-1960), Robert H. Lowie (1883-1957), Edward Sapir (1884-1939), Ruth Benedict (1887-1948) und Margret Mead (1901-1978). [13] Allgemein ist bei diesen Nachfolgern zu beobachten, dass sie Boas’ Skepsis gegenüber Theorienbildungen überwinden, um wieder zu systematischen Synthesen zu gelangen.

So formulierten Edward Sapir und dessen Schüler Lee Whorf die so genannten Sapir-Whorf-Hypothesen. Diese besagen, dass die in ihren Strukturen stark unterschiedlichen Sprachen der Erde jeweils die Wahrnehmung der Welt bestimmen und somit die Kulturen in ihrer Verschiedenheit determinieren. Jede Sprache prägt demnach als Ausdrucksmittel einer Kultur durch ihre starke innere Logik das Individuum und dessen Denken, was wiederum Rückwirkungen auf die Wirklichkeit hat. Diese „linguistische Relativitätstheorie“ wird als die folgerichtige Konsequenz der Boas’schen Tradition gewertet. [14]

3.2. Der Kultur-Begriff

Im Mittelpunkt des Interesses der Boas-Schüler stand weiterhin der Begriff der Kultur, der allerdings nie eindeutig war. Kroeber und Clyde Kluckhohn (1905-1960), die über hundert Begriffsbestimmungen unter anderem von Anthropologen und Philosophen sammelten, klassifizierten diese in sechs Gruppen: Es gibt beschreibende (basierend am Inhalt), historische (die Tradition betonend), normative (die Regeln betonend), psychologische (Lernen und Problemlösen behandelnd), strukturelle (Muster betonen) und genetische (Produkt des spezifisch Menschlichen) Definitionen. Diese Einteilung und Fülle an Perspektiven zeigt, welche Parameter möglicherweise Kultur ausmachen.

Allerdings wirkten die Kultur-Bestimmungen von Boas und seinen Nachfolgern in der Wissenschaft weniger fort als die beschreibende Definition des Evolutionisten Edward B. Tylor (1832-1917): „that complex whole which includes knowledge, belief, art, law, morals, custom, and any other capabilities and habits acquired by man as a member of society“. Während diese abstrakte Definition Tylors präsent blieb, erhielt sich als anthropologische Perspektive zur Kultur jene von Ruth Benedict, die mit Margaret Mead zu den Gründern der Culture and Personality School sowie der psychologischen Anthropologie gehörte. [15]

4. Ruth Benedict

Ruth Benedict war von Sapirs Sicht der Beziehungen zwischen Kultur und Individuum beeinflusst. Galt seine Aufmerksamkeit dabei mehr dem Individuum, legte Benedict das Schwergewicht auf die Kultur. Ihr Hauptwerk Patterns of Culture (1934) betont, obwohl unter Boas’ Führung verfasst, stärker als dieser psychologische Aspekte und weist damit einen interdisziplinären Aspekt auf. Patterns of Culture war das meist verkaufte ethnologische Buch des 20. Jahrhunderts, das als erstes Werk auch einem nichtwissenschaftlichen Publikum anthropologische Themen nahe brachte. [16]

Benedicts besondere Interessen galten der Literatur und Poesie. So wie diese letztlich nur im Kontext jener Kultur verstanden werden können, aus der sie hervorkamen, wollte sie sämtliche Aspekte einer Kultur aus deren Innerem heraus begreifen.

Dennoch ging sie über Boas hinaus, indem sie Vergleiche von Kulturen vornahm, die sie als jeweils Ganzes durch ihre hauptsächlichen Triebfedern (dominant drives) unterscheiden wollte. Ihr Hauptwerk vergleicht die Zuni in New Mexico auf Basis der Forschungen von Ruth Bunzel und Frank Cushing, die von Boas untersuchten Kwakiutl auf Vancouver Island und die melanesischen Dobu auf Grundlage des Materials von Reo Fortune. Benedict hält als ein Ergebnis fest, dass der Begriff der Normalität an die Kultur gebunden sei: Was in einer Kultur als normal gilt, kann einer anderen unnormal erscheinen. Sogar psychische Befindlichkeiten sieht Benedict als von der Kultur determiniert. [17]

Benedict fragte, welche kulturellen Muster (Patterns) aus Normen und Werten einer bestimmten Gesellschaft zu Grunde liegen und deren Verhalten prägen. Sie vertrat nach ihren Vergleichen den Ansatz, dass jede Kultur sich aus universellen Elementen einige spezifische auswählt und diese kombiniert. Obgleich sie sich für diese Erkenntnis einer vergleichenden Methode bediente, hielt sie für die Analyse einzelner Kulturen an der holistischen Sichtweise ihres Lehrers fest, der diese als jeweils geschlossenes und integriertes Ganzes verstand. [18]

Kritisch wurde zu Ruth Benedict angemerkt, dass sie das Fach für politische Zwecke instrumentalisierte, indem sie im Auftrag der US-Regierung eine Nationalcharakterstudie über den Kriegsgegner Japan erstellte. In dieser, The Chrysanthemum and the Sword (1946), beschreibt sie, „wie die Japaner sind“. [19] Überhaupt warf man Ruth Benedict vor, dass sie das Entstehen von Vorurteilen förderte, indem sie Stereotypen verwendet und sich vor Übertreibungen und dem Ausklammern von Fakten nicht scheute, wenn dies ihre Thesen stützte. Auch für Simplifizierungen wurde sie kritisiert: „Die Theorie der kulturellen Muster geht von der Homogenität der individuellen Konfiguration aller Mitglieder einer bestimmten Gesellschaft aus. Diese vereinfachende Theorie reduziert die Charakteristika einer Kultur.“ [20]

5. Margaret Mead

Margaret Mead basierte ihr Hauptwerk Coming of Age in Samoa (1928) auf Feldforschungen, wobei sie, was bereits ein Anliegen von Benedict war, die Relevanz der Cultural Anthropology für die Öffentlichkeit aufzeigen möchte. [21]

Als erste Vertreterin der amerikanischen Forschungstradition bediente sie sich Methoden der Teilnehmenden Beobachtung im Sinn Malinowskis. Mit ihren Arbeiten über die Pubertät und Geschlechterrollen schuf sie nicht nur neue Themenfelder für die Anthropologie, sondern nahm zudem Einfluss auf gesellschaftspolitische Wertediskussionen in den USA. [22]

Mead ging von der Hypothese aus, dass die Pubertät nicht zwangsläufig durch biologische Fakten eine schwierige Lebensphase bedeute. Nach psychologischen Tests gelangte sie zu dem Ergebnis, heranwachsende Mädchen auf Samoa hätten dabei keinerlei Probleme. Sie schloss daraus, derartige Probleme seien in westlichen Gesellschaften von der Kultur determiniert. Nach Meads Beschreibungen erlebten die Mädchen auf Samoa die Pubertät als schöne Zeit, da sie sexuelle Freiheit genössen, vorehelicher Geschlechtsverkehr als normal gelte und uneheliche Kinder kein Problem darstellten. [23]

Meads Arbeit in Samoa wurde grundlegend von Derek Freeman kritisiert, der ihr romantische und idealisierende Sichtweisen vorhielt. Zudem sei sie zu kurz im Feld gewesen, hätte hauptsächlich unter Weißen gelebt und nur mangelhaft Sprachkenntnisse erworben. [24]

6. Fazit und Ausblick

Der Kulturrelativismus, wie er von Boas und seinen Nachfolgern geprägt wurde, ist zweifellos ein Ansatz von bleibender Bedeutung, weil er half, nicht wissenschaftliche und ideologische Aspekte im Evolutionismus und Rassismus des 19. und 20. Jahrhunderts fundamental zu kritisieren. Indem er einen Pluralismus der Kulturen anerkennt und dem (wertenden) Vergleich gegenüber skeptisch ist, wird allen Völker sowie Kulturen in einem maximalen Ausmaß Würde und Eigenwert zugestanden. Hierzu gehört, dass jegliche Verhaltensform stets im Hinblick auf die Sozial- und Werteordnung betrachtet werden muss, vor deren Hintergrund sie beobachtet wird, kulturelle Phänomene also ausschließlich im eigenen Kontext zu betrachten und beurteilen sind.

Indem der Kulturrelativismus auf dieser Basis jedoch universelle Werte und alle Kulturen übergreifende Forderungen, etwa jene nach der „Universalität der Menschenrechte“, ablehnen muss, wird er in einem Zeitalter der Globalisierung, Migration und des zunehmenden Miteinanders von Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft selbst einer stärkeren Relativierung und Neuformulierung unter geänderten Bedingungen bedürfen.


[1] Alan Barnard: History and Theory in Anthropology. Cambridge 2000, S. 100.
[2] Fredrik Barth u.a.: One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropolog. Chicago 2005, S. 259.
[3] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/kulturrelativismus.html, (31.12.2005).
[4] Wolfgang Müller: „Cultural Anthropology“. Walter Hirschberg: Wörterbuch der Völkerkunde. Berlin 1999, S. 71.
[5] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/franz_boas.html, (31.12.2005).
[6] Barnard, History and Theory, S. 101.
[7] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/franz_boas.html, (31.12.2005).
[8] Barnard, History and Theory, S. 102.
[9] Barnard, History and Theory, S. 101.
[10] Barth, One Discipline, Four Ways, S. 162.
[11] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/franz_boas.html, (31.12.2005).
[12] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/franz_boas.html, (31.12.2005).
[13] Barth, One Discipline, Four Ways, S. 259.
[14] Thomas Hylland Erkisen: Small Places, Large Issues. London/Sterling VA 2001, S. 14, 227.
[15] Barnard, History and Theory, S. 102.
[16] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/ruth_benedict.html, (31.12.2005).
[17] Barnard, History and Theory, S. 102.
[18] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/ruth_benedict.html, (31.12.2005).
[19] Barth, One Discipline, Four Ways, S. 296.
[20] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/ruth_benedict.html, (31.12.2005).
[21] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/margaret_mead.html, (31.12.2005).
[22] Barth, One Discipline, Four Ways, S. 268.
[23] Barnard, History and Theory, S. 105.
[24] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/margaret_mead.html. (31.12.2005).

Monday, November 21, 2005

Funktionalismus
Welche Hauptfragen und -anliegen kennzeichnen den Funktionalismus eines Malinowski oder den Strukturfunktionalismus eines Radcliffe-Brown? Diskutiere die Beiträge in Theorie und Methode, die die beiden Gründerfiguren der britischen Anthropologie in die Wissenschaftstradition einbrachten.

1. Einleitung:

1.1. Was ist Funktionalismus?

Als „Funktionalismus“ bezeichnet man in der Ethnologie und den Sozialwissenschaften jene theoretischen Ansätze, die gesellschaftliche Phänomene in Bezug auf ihre sozialen Funktionen untersucht. Die frühen bedeutenden Vertreter dieser Betrachtungsweise waren Bronislaw Malinowski und Alfred Radcliffe-Brown, von denen „Systemen eine Funktion (bezüglich ihrer Umwelt oder anderer Systeme oder Supersysteme) unterstellt wird, und Prozesse und Strukturen darin in Hinblick auf diese Funktion analysiert werden.“[1]

Radcliffe-Brown und Malinowski veränderten die Perspektive ihres Fachs, indem sie sich vom Evolutionismus und Diffusionismus distanzierten, um statt Entwicklungen und Veränderungen die jeweiligen aktuellen Gegebenheiten und das Bezogensein ihrer Elemente aufeinander zu beobachten. Es handelt sich also um eine ahistorische Methode, welche die Funktionen sozialer Institutionen in Bezug auf das Ganze erforschen und beschreiben will. [2]

1.2. Bronislaw Malinowski (1884-1942)


Malinowski wuchs in Krakau auf, das damals Teil der Donaumonarchie war, und erwarb 1908 Abschlüsse in Mathematik, Physik und Philosophie. Danach studierte er an der London School of Economics bei C. G. Seligman. Als er selbst dort lehrte, waren eine Reihe später wichtiger Vertreter des Fachs seine Schüler, etwa Edward E. Evans Pritchard, Sir Raymond Firth, Phyllis Kaberry und Issac Schapera.[3]


Oft wird Malinowski als Gründer der modernen britischen Sozialanthropologie bezeichnet. Er forschte während des 1. Weltkriegs auf den Trobriand-Inseln und setzte neue Maßstäbe für die ethnologische Datensammlung. Sein Beitrag zu qualitativen Forschungsmethoden bestand im Feststellen der Notwendigkeit der „emischen Sichtweise“, die Gesellschaftsorganisationen von innen heraus betrachtet, ihren Alltag miterlebt, wozu auch ein Erlernen der Sprache bedeutend ist. [4]

In diesem Sinn lehnte Malinowski den damaligen „Armchair“-Evolutionismus ab und begründete durch teilnehmende Beobachtung eine völlig neue Tradition der Feldforschung. Seine Forschungsergebnisse von den Trobriand-Inseln veröffentlichte er 1922 in dem Werk Argonauten des westlichen Pazifiks. [5]

1.3. Alfred Reginald Radcliffe-Brown (1881-1955)

Radcliffe-Brown wurde 1881 in Birmingham als Alfred Reginald Brown geboren und änderte später seinen Namen durch Hinzunahme des Mädchennamens seiner Mutter. Aufgrund seiner politischen Einstellung wurde er von seinen Freunden auch „Anarchy Brown“ genannt. Nachdem er 1904 sein Bachelor-Diplom in Cambridge erwarb, betrieb er Feldforschung auf den Andamanen und in Westaustralien. Später lehrte er in Cape Town, Sydney, Chicago und Oxford sowie an weiteren Universitäten in England, Südafrika, China, Brasilien und Ägypten. [6]

Radcliffe-Brown war ein Anhänger von Durkheims Soziologie. Er setzte sich die Entwicklung einer „Naturwissenschaft von der Gesellschaft“ zum Ziel und suchte nach universellen bzw. generellen Gesetzen der Gesellschaft. Folglich betonte er in seiner Theorie statt des Individuums die sozialen Institutionen. In seiner Aufsatzsammlung Structure and Function in Primitive Society (1952) zeigt er auf, wie sich soziale Institutionen gegenseitig beeinflussen. [7] Weiters zählen zu seinen Hauptwerken The Andaman Islanders (1922) und African Systems of Kinship and Marriage (1950). [8]

2. Malinowskis Theorie des Fuktionalismus

Malinowski sucht nach den regulierenden Faktoren der Entwicklung und Ordnung einer gesellschaftlichen Organisation. Man spricht in diesem Zusammenhang deshalb von „Funktionalismus“, weil jede soziokulturelle Erscheinung unter dem Aspekt ihrer Funktion für die Gesamtgesellschaft untersucht wird.

Sämtliche Ausdrucksformen der Kultur sind Instrumente zur Befriedigung von Basic Needs, erfüllen also auch in diesem Sinn eine Funktion. Zum Beispiel dient die Hygiene dem Zweck der Gesundheit. Entsprechend dienen alle kulturellen Gegebenheiten als Mittel zum Zweck. [9]

Malinowski sieht die Kultur dabei als Ganzheit, in der alles in Abhängigkeitsverhältnissen zueinander steht. Isoliertes Betrachten von Gegebenheiten kann darum nicht zu tieferen Erkenntnissen führen. „Kultur ist also ein Apparat, der sich auf verschiedene Bestimmungen, Organisationen und Prinzipien, die aus den natürlichen Bedürfnissen des Menschen gewachsen sind, stützt.“ [10]

Die beobachtbaren Aktionen der einzelnen Menschen vollziehen sich jeweils in gesellschaftlichen Einrichtungen wie der Sippe, der Familie oder wirtschaftlichen Produktionsgemeinschaften, was bei der Interpretation zu berücksichtigen ist. Obwohl dieser Hintergrund betont wird, betrachtet Malinowski vor allem die Handlungen einzelner, die jedoch bezüglich ihrer gesellschaftlichen Funktion reflektiert werden.

Malinowskis Schüler Phyllis Kaberry unterscheidet drei Abstraktionsebenen in Malinowskis Theorie der Funktion:
1. Die Wirkung einer Institution auf andere Institutionen, d.h. das Verhältnis gesellschaftlicher Einrichtungen zueinander.
2. Die Institution, wie sie von den Mitgliedern der Gesellschaft selbst gesehen wird.
3. Was die Institution zu Stabilität und Funktion der Gesellschaft als ganzer beiträgt.[11]

3. Hauptfragen des Strukturfunktionalismus Radcliffe-Browns

Radcliffe-Brown beschäftigt sich intensiv mit Verwandtschaftssystemen und sozialer Organisation. Er beschreibt den Prozess des sozialen Lebens, wobei jedes Individuum, aber auch jede Gruppe oder jede Institution miteinander interagieren und kontinuierliche soziale Beziehungen unterhalten. Die Struktur einer Gesellschaft wird zum zentralen Thema seiner Forschungsarbeit, wobei er deren Beobachtbarkeit vertrat. Dies bedeutet, dass seiner Meinung nach Strukturen direkt erkennbar sind und nicht erst theoretisch erschlossen werden müssen. Es geht ihm weniger um das Individuum als um dessen Einbindung in gesellschaftliche Strukturen. In der Frage nach der Funktion sozialer Prozesse und danach, was in einer Gesellschaft jeweils das Strukturierende ist, übernimmt er die Analogie Herbert Spencers von der Gesellschaft als Organismus. [12]

Dabei spricht er vom „sozialen Netzwerk“, wobei man eine Kultur oder deren Institutionen nicht unmittelbar beobachten kann. Stattdessen erschließt man ihre Beschaffenheit durch Erforschen der komplexen Beziehungen, durch welche Personen miteinander verbunden sind. Entsprechend nehmen soziale Beziehungen seinem Denken eine zentrale Position ein. Dabei umfasst der Begriff der gesellschaftlichen Struktur alle Beziehungen von Personen, wobei die Unterschiede der sozialen Rollen der einzelnen Individuen zu berücksichtigen sind. [13]

Radcliffe-Brown definiert Struktur als „die Gesamtheit der sozialen Beziehungen und Interaktionen im sozialen Netzwerk einer Gesellschaft“. Diese Strukturen bestimmen, um die soziale Ordnung aufrecht zu erhalten, das Verhalten von Individuen innerhalb der Gesellschaft, woraus wiederum das Hauptziel von Kultur, als Systemerhaltung, abgeleitet wird. Die Struktur der Gesellschaft und die Funktion sozialer Prozesse werden im Hinblick darauf betrachtet, wie sie zur Stabilisierung der Struktur beitragen.

Weiters entwickelt Radcliffe-Brown das Gleichgewichtsmodell: Eine staatenlose Gesamtgesellschaft funktioniert am besten, wenn die Subsysteme, aus denen sie besteht, sich möglichst ähnlich sind. Das heißt, dass deren Gleichgewicht die Grundlage eines reibungslosen sozialen Funktionierens darstellt.

4. Kritische Würdigung des Funktionalismus

Malinowski und Radcliffe-Brown unterscheiden sich weniger im essentiellen Ansatz als in ihrem theoretischen Reflektionsniveau, das auf unterschiedliche Zugangsweisen zurückgehen kann. Malinowski ist im Wesentlichen ein teilnehmender Feldforscher, der vielfach im Beschreibenden bleibt, während Radcliffe-Brown auf theoretischer Ebene weitergehend nach Erklärungsmodellen sucht. Die unten angeführten Kritikpunkte können daher weitgehend auf beide Forscher zutreffen.

Generell kann als Problem gesehen werden, dass der Funktionalismus als „eine konzeptuelle ‚Sicherungsinstanz‘“ dient, „die versucht, auch scheinbar ungeordnete soziale Strukturen ‚auf höherer Ebene’ als wohlgeordnet und zweckvoll zu interpretieren.“ [14] Auf diese Weise werden die Zufälligkeit und die Nicht-Vorhersagbarkeit von Wirkungen weitgehend aus der Beobachtung ausgeklammert. Gesellschaften erscheinen als ein funktionierendes Ganzes, in dem alles seinen Zweck erhält.

4.1. Kritik an der Theorie Malinowskis

Der Funktionalismus vernachlässigt die Berücksichtigung des Eigenwerts der gesellschaftlichen Phänomene und Einzeldinge, indem diese vorwiegend unter dem Aspekt ihrer Funktion für das Übergeordnete betrachtet werden, also weitgehend zu bloßen Mitteln zum Zweck.

Der ahistorische Ansatz des Funktionalismus kann zugleich als seine Stärke und Schwäche gesehen werden. Indem man soziale Gegebenheiten losgelöst von ihrer vorangehenden Entwicklung betrachtet, um sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, kann man zwar wesentliche Aufschlüsse über die Gegenwart erlangen. Die Ausklammerung der Vorgeschichte lässt jedoch vieles auch unverständlich bleiben. Veränderungsprozessen wird nicht genügend Raum gewährt.

4.2. Kritik an der Theorie Radcliffe-Browns

Der Strukturfunktionalismus unterliegt mit seiner Generalisierung einem starken Reduktionismus, da Handlungen von Individuen stereotypisiert werden und der Einzelne nur als Rollenträger von Interesse ist. Unterschiede zwischen Gesellschaften und Variationen innerhalb von Gesellschaften werden ignoriert. Die Ausdrucksformen einer Kultur werden nicht an sich nicht betrachtet, sondern nur in ihrer Funktion, die sozialen Strukturen aufrecht zu erhalten. Die Ausklammerung von Veränderungsprozessen und Entwicklungen vernachlässigt die Würdigung des sozialen Wandels und ein kritisches Wahrnehmen von Einflüssen wie des Kolonialismus. [15]

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[1] Marina Felder: Bronislaw Kaspar Malinowski: Biografie – Was ist Kultur - Begriff des Funktionalismus. http://commonweb.unifr.ch/artsdean/pub/gestens/f/as/files/4625/001605_124049.pdf (20. November 2005)
[2] Barth, Fredrik u.a.: One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology. Chicago 2005, S. 19-31
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Bronislaw_Malinowski (19. November 2005)
[4] Eriksen, Thomas Hylland: Small Places, Large Issues. London/Sterling VA 22001, S. 15
[5] Barnard, Alan: History and Theory in Anthropology. Cambridge 2000, S 67
[6] Barnard, History and Theory in Anthropology, S 70
[7] Eriksen, Small Places, Large Issues, S. 16
[8] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/alfred_r_radcliffe_brown.html (19. November 2005)
[9] Barnard, History and Theory in Anthropology, S 68
[10] http://commonweb.unifr.ch/artsdean/pub/gestens/f/as/files/4625/001605_124049.pdf (19. November 2005)
[11] Barnard, History and Theory, S 68-69
[12] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/strukturfunktionalismus.html und
http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/alfred_r_radcliffe_brown.html (19. November 2005)
[13] http://www.marinahennig.de/PDF-Dateien/GeschichteSNA.pdf (19. November 2005)
[14] Reckwitz, Andreas: „Der verschobene Problemzusammenhang des Funktionalismus: Von der Ontologie der sozialen Zweckhaftigkeit zu den Raum-Zeit-Distanzierungen.“ In: Jens Jetzkowitz/Carsten Stark (Hg.): Soziologischer Funktionalismus. Zur Methodologie einer Theorietradition. Opladen 2003, S. 57- 81, hier S. 58.
[15]http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/strukturfunktionalismus.html und
http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/alfred_r_radcliffe_brown.html (19. November 2005)